"Natürlich war es ein tolles Ereignis, als Minister vereidigt zu werden, am Kabinettstisch zu sitzen, den ich bislang nur aus dem Fernsehen kannte." , zum Schwerpunkt: Ministerium - 02. November 2009 - Interview
Interview von Herrn Minister Dr. Philipp Rösler mit der Bild am Sonntag vom 1.11.09
Von Michael Backhaus, Roman Eichinger und Angelika Hellemann
Bild am Sonntag (BamS): Als Bundesgesundheitsminister sind Sie jetzt sozusagen Doktor Deutschland. Haben Sie sich denn schon gegen die Schweinegrippe impfen lassen?
Dr. Philipp Rösler: Zuallererst lasse ich mich gegen die normale Grippe impfen. Die ist momentan noch gefährlicher. Und danach gegen die Schweinegrippe.
BamS: Empfehlen Sie allen Bürgern die Impfung?
Rösler: Das muss jeder mit seinem Arzt besprechen. Gefährdete Personen sollten sich aber, wie von der Ständigen Impfkommission empfohlen, jetzt gegen die Schweinegrippe impfen lassen. Auch die Polizei und die Feuerwehrleute sollten sich wie vorgesehen impfen lassen. Aber man sollte auch die normale Grippeimpfung nicht vergessen. Denn die kann für bestimmte Personengruppen mit chronischen Krankheiten auch gefährlich sein.
BamS: Ihre Vorgängerin Ulla Schmidt hatte zeitweise die höchste Gefährdungsstufe, gehörte zu den unbeliebtesten Politikern im Land. Beunruhigt Sie das?
Rösler: Es gibt kein emotionaleres Politikfeld als die Gesundheitspolitik. Schließlich ist jeder davon betroffen. Wenn man sich diesem Amt verpflichtet fühlt, muss man auch unangenehme Dinge in Kauf nehmen. Ich habe ein klares Ziel: ein neues Gesundheitssystem auf den Weg zu bringen, das für 80 Millionen Menschen gut funktioniert. Wenn man da nur darauf schielt, was gut ankommt, wird man die notwendigen Reformen nicht zuwege bringen.
BamS: In den letzten zehn Jahren hat sich der Eindruck vieler Bürger, besonders von Kassenpatienten, verstärkt, dass Deutschland auf dem Weg in eine Zwei-Klassen-Medizin ist. Was wollen Sie dagegen tun?
Rösler: In einem haben Sie recht: Auf dem Land wird es immer schwieriger mit der flächendeckenden medizinischen Versorgung, die Wartezeiten in den Arztpraxen sind länger geworden. Das kann die Politik nicht allein ändern. Aber nach der nächsten Reform müssen die Menschen das Gefühl haben, die Versorgung ist besser geworden
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BamS: Was konkret kann man wirklich verändern, damit sich die Kassenpatienten, die ja auch sehr hohe Beiträge bezahlen, nicht mehr als Patienten zweiter Klasse fühlen?
Rösler: Das Wichtigste: Wir brauchen mehr Wettbewerb im System. Die Krankenkassen müssen wieder untereinander im Wettbewerb stehen, sie müssen unterschiedliche Beiträge verlangen dürfen und unterschiedliche Leistungen anbieten können. Derzeit gibt es doch überall die gleiche Leistung zum gleichen Preis, ohne dass irgendein Patient durchschaut, was eigentlich mit seinem Geld geschieht, und wer was wie abrechnet.
BamS: Ärzte sagen, sie bräuchten mehr Zeit für ihre Patienten und müssten diese auch bezahlt bekommen. Wie sehen Sie das?
Rösler: Ich habe angefangen Medizin zu studieren, weil ich mit Menschen zu tun haben wollte. Als ich fertig war, hatte ich mehr mit Qualitätssicherungsbögen zu tun. Also mehr Zeit für Bürokratie als für Behandlung. Da habe ich mir gesagt: Jetzt kannst du gleich selber in die Politik gehen und solche unsinnigen Gesetze abschaffen. Wenn es ein gutes Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patienten gibt, wenn Ärzte und Pfleger Zeit für ihr berufliches Ethos bekommen, brauchen Sie auch keine Qualitätssicherungsbögen.
BamS: Wie wollen Sie das erreichen?
Rösler: Wir brauchen mehr Freiheit: Freiheit bei der Wahl der Therapie, bei der Wahl des Arztes und bei der Wahl der Krankenkasse. Das fordern die Patienten völlig zu Recht
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BamS: Herr Rösler, Sie sind am Mittwoch vereidigt worden. Am selben Tag wurden Ihre Zwillingstöchter Grietje und Gesche ein Jahr alt. Der glücklichste Tag in Ihrem Leben?
Rösler: Der glücklichste Tag war neben der Hochzeit die Geburt der Mädchen. Natürlich war es ein tolles Ereignis, als Minister vereidigt zu werden, am Kabinettstisch zu sitzen, den ich bislang nur aus dem Fernsehen kannte. Noch viel wichtiger ist aber die Familie. Am Mittwoch war deshalb der Geburtstag meiner Töchter bedeutender für mich.
BamS: Die Politik hat schon viele Ehen und Familien zerstört. Wären Sie bereit, Ihr privates Glück für die Karriere aufs Spiel zu setzen?
Rösler: Wenn ich den Eindruck gewönne, die Politik könnte meine Familie gefährden, würde ich sie sofort aufgeben. Ich habe sehr viele Politiker gesehen, die steile Karrieren hingelegt, darüber aber ihre Familien verloren haben. Doch irgendwann ist jede Karriere vorbei. Als Minister angesprochen zu werden, klingt toll. Aber jede Amtszeit endet irgendwann. Meine Kinder aber sollen ein Leben lang Papa zu mir sagen. Damit sie das tun, muss ich mich um meine Familie jetzt kümmern. Ich bin meiner Frau sehr dankbar, dass sie am Freitag vor einer Woche Ja gesagt hat zu meinem Ministerjob. Wenn sie gesagt hätte, mach es nicht, hätte ich es nicht machen können.
BamS: Ihre Frau will im Januar wieder als Ärztin arbeiten. Bleibt es dabei?
Rösler: Ja. Wir suchen gerade nach einer Kinderbetreuung. Das ist schon schwierig, einen Krippenplatz zu finden. Und wir brauchen ja gleich zwei.
BamS: Länger als Ulla Schmidt werden Sie Ihren neuen Job auf keinen Fall machen – mit 45 wollen Sie ja aus der Politik aussteigen . . .
Rösler: Davon nehme ich nichts zurück. Bis dahin sind es immerhin noch mehr als zwei Legislaturperioden.
BamS: Der Kabarettist Jochen Busse hat bei Beckmann diese Woche von einem „Fidschi“ im Kabinett gesprochen. Kränkt Sie so etwas?
Rösler: Wenn ich als Politiker schnell beleidigt wäre, wäre ich fehl am Platz. Jeder muss sich für sein Niveau entscheiden, das gilt auch für Herrn Busse. Die Fidschi-Inseln liegen übrigens relativ weit weg von Vietnam. Das wäre so, als wenn ich Sie jetzt zum Inder erklärte.
BamS: Sie sind in Vietnam geboren, wurden mit neun Monaten adoptiert und leben seither in Deutschland. Wie viel Asien ist in Philipp Rösler?
Rösler: Ein schmaleres Augenpaar, eine flachere Nase, schwarze Haare.
BamS: Und innen drin?
Rösler: Wenig. Ich esse gern asiatisch, aber das tun andere auch
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BamS: Was ist typisch deutsch an Ihnen?
Rösler: Ich spreche die deutsche Sprache, finde Deutschland als Land toll und bin Mitglied der Bundesregierung. Viel mehr deutsch kann man doch gar nicht sein.
BamS: Sie kennen Ihren Geburtsnamen nicht. Er steht auch nicht in den Adoptionsunterlagen. Wissen Sie überhaupt, ob Ihr amtlicher Geburtstag tatsächlich der Tag ist, an dem Sie geboren wurden?
Rösler: Ich bin ja im November 1973 mit neun Monaten nach Niedersachsen gekommen. Daraus ergibt sich, dass ich in diesem Jahr geboren wurde. Aber Woche und Tag kann ich natürlich nicht nachprüfen. Das kann genauso der 25. oder der 27. Februar gewesen sein. Aber amtlich ist das Datum 24. Februar unstreitig, denn so steht es in den Unterlagen mit Stempel.
BamS: Sind Sie ein Findelkind?
Rösler: Wenn Sie so wollen, bin ich ein Findelkind. Offenkundig sind meine Eltern in den damaligen Kriegswirren ums Leben gekommen, und irgendjemand hat mich in dem katholischen Waisenhaus abgeliefert. Man kann das vielleicht am besten mit den heutigen Babyklappen vergleichen.
BamS: Sie sind als Waisenkind von einem deutschen Ehepaar adoptiert worden. Vier Jahre später haben sich Ihre Eltern getrennt und Sie zum Scheidungswaisen gemacht. Wie hart war das für Sie?
Rösler: Das klingt so, als wenn ich viel gelitten hätte. Aber aus meiner Sicht war mein bisheriges Leben ein Glücksfall. Sicher bin ich ein Scheidungskind. Und ich bin anders als die meisten anderen beim Papa geblieben. Das habe ich nie bereut und er auch nicht.
BamS: Haben Sie Kontakt zu Ihrer Mutter?
Rösler: Einige Zeit hatte ich keinen Kontakt, jetzt aber wieder. Sie lebt bei einer Schwester von mir, die nach Chile ausgewandert ist und dort eine Familie gegründet hat. Ihre Kinder sehen übrigens aus wie kleine Indios. Ich hoffe, ich sehe sie nächstes Jahr, wenn sie nach Deutschland kommen.
BamS: Dass Sie nach der Scheidung der Eltern vom Vater erzogen wurden, verbindet Sie mit Guido Westerwelle. Der sagt heute, dass das damalige Leben in der Villa Kunterbunt zusammen mit drei Brüdern der Grund dafür ist, dass er sehr ordnungsliebend ist. Wie ist das bei Ihnen?
Rösler: Mein Vater war Berufssoldat. Da war nichts mit Villa Kunterbunt. Bei uns war immer aufgeräumt. Gegessen habe ich als Kind im Offizierscasino, das gegenüber unserer Schule lag. Die Beziehung zu meinem Vater war immer liebevoll, aber er hat viel Wert auf Eigenverantwortung und Selbstdisziplin gelegt. Als Schlüsselkind, wie das in den 70er-Jahren hieß, lernt man das aber von ganz allein
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BamS: Was sagt die Tatsache, dass ein Waisenkind aus Vietnam mit 36 Bundesminister in Berlin sein kann, über unser Land aus?
Rösler: Daraus kann man schon ablesen, dass Deutschland ein weltoffenes Land ist, toleranter als manche glauben. Und es hat für die vielen Migranten in Deutschland offenbar eine größere Bedeutung, als ich vermutet hätte. Mich hat nach unserer Feier in der Fraktion ein Afrikaner vom Catering-Service angesprochen und gesagt: „Ich finde es ganz toll, dass einer von uns jetzt Bundesminister wird.“ Da war ich verdutzt: Einer von uns? Du bist doch ein Gelber und kein Schwarzer. Die Geschichte – übrigens nicht das einzige Erlebnis dieser Art – hat Guido Westerwelle auch dem Bundespräsidenten erzählt.
