Interview

"Krebs-Brief für jeden Deutschen!"

BILD-Interview mit Gesundheitsminister Bahr und Experten der Deutschen Krebsgesellschaft

Ab dem 22. Februar findet in Berlin der 30. Deutsche Krebskongress statt. Lesen Sie hier ein BILD-Interview zum Thema "Krebs-Früherkennung" mit Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr und Experten der Deutschen Krebsgesellschaft.

BILD: Herr Minister, wie wollen Sie künftig mehr Menschen zur so wichtigen Krebs-Früherkennung bewegen?

Minister Daniel Bahr: „Früherkennung ist in sinnvollen Bereichen und Intervallen tatsächlich wichtig, aber wir wollen die Menschen auch nicht mit ständigen Untersuchungen abschrecken. Nach dem Screening bei Brustkrebs wollen wir nun Ähnliches bei Darmkrebs und Gebärmutterhalskrebs erreichen. Die bestehenden Angebote müssen noch wirksamer und sicherer werden.“

Warum gerade bei Darm- und Gebärmutterhalskrebs?

Prof. Werner Hohenberger, Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft: „Darmkrebs ist mit jährlich ca. 70.000 Neuerkrankungen und ca. 27.000 Todesfällen bei Männern und Frauen zusammen die häufigste Krebserkrankung. Gerade dieser Krebs ist früh erkannt aber heilbar und durch die Behandlung von Vorstufen sogar vermeidbar.

Bei Gebärmutterhalskrebs zeigen Studien, dass Neuerkrankungs- und Sterberaten durch den sogenannten Pap-Test bei jungen Frauen ab 20 Jahren um 60 bis 70 Prozent zurückgegangen sind. Trotzdem liegt Deutschland bei den Erkrankungsraten im europäischen Vergleich nur in der Mitte. Wir müssen also noch mehr Menschen zur Früherkennung bringen!“

Und wie konkret?

Bahr: „Mit einem Einladungsverfahren wie beim Brustkrebs. Wir müssen nicht nur die Menschen erreichen, die zum Arzt gehen, sondern auch die anderen, die Gesunden.“

Heißt das, ab einem bestimmten Alter bekommt jeder Deutsche einen Krebs-Brief?

Bahr: „Die Frauen werden ohnehin schon ab dem 50. Lebensjahr alle zwei Jahre zur Brustkrebsfrüherkennung eingeladen. Auch die Männer sollen Post bekommen, z. B. von den Kassen, und zur Darmkrebsfrüherkennung gehen. Wird bei der Darmspiegelung, die ab dem 55. Lebensjahr angeboten wird, nichts gefunden, hat man zehn Jahre Ruhe. Geht man nicht zur Vorsorge, wird man später wieder daran erinnert. Mein Ziel ist, dass jeder rechtzeitig zu der für ihn sinnvollen kostenlosen Früherkennung eingeladen wird.“

Aber erkranken nicht viele Menschen schon viel früher an Krebs?

Dr. Johannes Bruns, Vorstand der Deutschen Krebsgesellschaft: „Ein Vorsorge-Screening macht nur in einer Altersgruppe Sinn, die besonders oft betroffen ist. Natürlich fallen dabei Menschen durchs Raster, die z. B. genetisch vorbelastet sind. Deshalb müssen wir die Menschen dazu bringen, sich mit ihrer Familie und deren Erkrankungen zu beschäftigen.“

Ein zweiter Bereich, in den investiert werden soll, ist das sogenannte Krebs-Register – warum ist dieses wichtig?

Hohenberger: „Wir brauchen ein flächendeckendes sogenanntes klinisches Krebs-Register, das für ganz Deutschland erfasst, wie gut die Patienten wo behandelt werden. Es ist wichtig zu wissen, wie oft es z. B. bei OPs zu Komplikationen kommt und wie häufig Rückfälle sind. Wir müssen die Krankheitsstationen eines Patienten nachvollziehen können, wenn er z. B. nach einer Krankenhaus-Behandlung zum niedergelassenen Arzt wechselt oder wenn er umzieht.“

Werde ich im Moment als Krebspatient überall gleich gut behandelt, auch im kleinen Kreiskrankenhaus?

Bruns: „Genau das wissen wir nicht und deshalb brauchen wir das Register, um die Qualität der Behandlung zu sichern und stetig zu verbessern.“

Bahr: „Ein klinisches Krebs-Register stellt Transparenz in der Versorgung her und schafft Vergleichbarkeit. Wir wollen Kliniken mit schlechten Ergebnissen nicht bestrafen, sondern einen Anreiz geben, sich zu verbessern.“

Ab wann soll es das Register geben?


Bahr: „Der flächendeckende Ausbau klinischer Krebs-Register wird Thema auf der Gesundheitsministerkonferenz im Sommer sein und ich will noch dieses Jahr eine gesetzliche Grundlage für eine einheitliche Umsetzung schaffen.“

Und wie soll es finanziert werden?

Bruns: „In Bayern haben wir bereits ein solches Register, dort gibt es eine Mischfinanzierung von Land, Behörden und Krankenkassen. Ein Gutachten zeigt, dass wir 64 bis 67 Cent pro Bürger investieren müssen, um ein bundesweites Register zu erstellen.“


Das Interview führten Sarah Majorczyk und Stephanie Jungholt.

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