Interview

Bundesgesundheitsminister Dr. Rösler im Interview - Organspende kann nicht erzwungen werden

Bundesgesundheitsminister Dr. Rösler im Gespräch mit der Welt am Sonntag am 28. August 2010.
Das Interview führte Philipp Neumann.

Welt am Sonntag: Herr Rösler, vor wenigen Tagen hat der SPD-Fraktionsvorsitzende Frank-Walter Steinmeier seiner Frau eine Niere gespendet. Was haben Sie empfunden, als er dies ankündigte?

Philipp Rösler: Das hat mich stark beeindruckt und persönlich berührt. So ein Schritt ist etwas ganz besonderes. Die Entscheidung von Frank-Walter Steinmeier ist auch deshalb etwas besonderes, weil es sich um eine Lebendspende handelt. Großer Respekt!

Welt am Sonntag: Steinmeier ist ein Vorbild?

Philipp Rösler: Ja, er ist ein echtes Vorbild. Zum einen, weil er ein Organ spendet. Zum anderen aber auch, weil er ein Tabuthema angeht, indem er über seine Nierenspende öffentlich spricht.

Welt am Sonntag: Warum ist das Spenden von Organen ein Tabu?

Philipp Rösler: Wer über Organspende spricht, setzt sich immer auch mit dem Sterben auseinander. Im Alltag, in dem die Menschen oftmals mit vielen Problemen konfrontiert sind, kommt die Auseinandersetzung mit solch grundlegenden Themen wie Sterben und Tod oft zu kurz.

Welt am Sonntag: Haben Sie sich damit befasst?

Philipp Rösler: Ja, schon während meines Studiums. Damals natürlich unter medizinischen Aspekten. Ich habe selbst gespürt, wie schwer es sich, sich auf die Auseinandersetzung mit den Grundfragen unseres Lebens einzulassen. Aus heutiger Sicht bin ich froh, dass ich es dennoch getan habe. Und in diesem Zusammenhang habe ich für mich einen klaren Standpunkt zur Organspende gefunden und mich deshalb entschieden, immer einen Organspendeausweis mit mir zu führen. Damit erkläre ich mich bereit, nach meinem Tod Organe zu spenden. Dazu habe ich mich vor vielen Jahren entschlossen.

Welt am Sonntag: Welche Erfahrungen machen Sie, wenn Sie im Freundes- und Bekanntenkreis darüber sprechen?

Philipp Rösler: Wenn man die Gründe benennt, warum es so wichtig ist, Organspender zu sein, dann ist oftmals das Eis gebrochen. Das Gefühl sagt allen ja ohnehin, dass es eine gute, eine sinnvolle Sache ist. Und wenn man – gerade im Freundes- und Bekanntenkreis – die letzten Bedenken durch gute Argumente entkräften kann, dann stelle ich oft fest, wie kurz der Weg ist, sich zur Organspende bereit zu erklären.

Welt am Sonntag: Gibt es in Deutschland genug Organspenden?

Philipp Rösler: Leider nicht. Wir haben 12.000 Menschen, die auf ein Spenderorgan warten. Es gibt aber im Jahr nur rund 4700 Transplantationen. Es gibt also einen hohen Bedarf. Und jeder, der erlebt hat, wie erleichtert jemand reagiert, wenn er endlich ein Spenderorgan erhält, welche Lebensfreude, welche Zuversicht aufkommt, der weiß, dass diese Lücke geschlossen werden muss.

Welt am Sonntag: Das ist schon seit Jahren so. Warum ist es so schwer, politisch in Aktion zu treten und das zu ändern?

Philipp Rösler: Weil die Bereitschaft zur Organspende nicht gesetzlich verordnet werden kann und darf. In dieser Frage gibt es aus meiner Sicht nur einen Weg: Sie müssen die Menschen überzeugen. Das ist in den letzten Jahren zunehmend gelungen. Abgesehen davon ist es wichtig und notwendig, die Abläufe bei der Organspende zu verbessern.

Welt am Sonntag: Man könnte die Attraktivität der Organspende erhöhen, indem Menschen, die einen Spenderausweis haben, selbst bevorzugt ein Organ erhalten können. Israel will das so machen, sollten wir das übernehmen?

Philipp Rösler: Wer ein Spenderorgan erhält, ist durch strenge Kriterien geregelt. Im europäischen Netz, dem Deutschland angeschlossen ist, richtet sich die Verteilung ausschließlich nach medizinisch-ethischen Kriterien. Davon sollte nicht abgewichen werden.

Welt am Sonntag: Sollten die Versicherten auf ihrer Versichertenkarte einen Eintrag machen müssen, ob sie Organspender sind? Sie müssten dann Farbe bekennen.

Philipp Rösler: Ich halte nichts von Zwang. Damit entkräftet man Vorbehalte nicht, sondern baut emotionale Hürden auf. Die Überzeugung, anderen zu helfen, ist der stärkste Beweggrund für die Organspende. Das kann nur freiwillig geschehen.

Welt am Sonntag: Warum sollte man denn Organspender werden?

Philipp Rösler: Durch die Organspende kann man anderen Menschen in Lebensnot helfen und man kann andere Menschen retten, über seinen eigenen Tod hinaus.

Welt am Sonntag: Spanien gilt als Vorbild, weil die Zahl der Spenden dort hoch ist. Die Spanier müssen ausdrücklich widersprechen, wenn sie nicht Organspender sein möchten. Warum geht das nicht in Deutschland?

Philipp Rösler: Deutschland hat sich nach langen Diskussionen gegen diese so genannte Widerspruchslösung entschieden. Es besteht auch kein direkter Zusammenhang zwischen der rechtlichen Grundlage und der Zahl der Spenden. In Österreich gilt ein ähnliches Prinzip wie in Spanien und dort ist die Zahl der Spender geringer als in Mecklenburg-Vorpommern.

Welt am Sonntag: Warum ist Spanien dennoch so erfolgreich bei der Organspende?

Rösler: Dort ist der Ablauf der Organspende besser organisiert. Deshalb liegt Spanien mit 34 Spenden pro eine Million Einwohner auf Platz eins in Europa.

Welt am Sonntag: Der Patientenbeauftragte Wolfgang Zöller hat die mangelnde Bereitschaft der Krankenhäuser beklagt, potenzielle Spender zu melden. Ist das nicht das Problem?

Herr Rösler: Wir müssen den Ablauf der Spenden verbessern, Ganz wichtig ist, dass man einen Verantwortlichen auf der Intensivstation hat. Deshalb gibt es zurzeit einen Modellversuch, bei dem so genannte Inhousekoordinatoren für die Organspende in den Kliniken eingesetzt werden. Wenn Sie auf der Intensivstation arbeiten, dann haben sie viel zu tun. Und wenn ein Patient stirbt, dann ist es als Arzt oder Krankenschwester schwer, neben den ganzen anderen Erfordernissen intensiv und einfühlsam genug mit den Angehörigen über dieses sensible Thema in der gebotenen Art und Weise zu sprechen. Hier sind die Inhousekoordinatoren gefordert.

Welt am Sonntag: Warum haben nicht schon alle Kliniken solche Koordinatoren?

Herr Rösler: Das ist am Ende neben anderen auch eine Kostenfrage. Ein Arzt, der die Aufgabe eines Koordinators erfüllt, steht in dieser Zeit für andere Aufgaben nicht zur Verfügung. Jede Klinik, die einen Inhousekoordinator einsetzt, erhält deshalb dafür seit kurzem eine zusätzliche Aufwandsentschädigung von 800 Euro pro Monat. Sie kann selbst entscheiden, in welcher Weise sie solche Stellen einrichtet. Gute Krankenhäuser erkennen, dass es zu einem guten Gesundheitssystem gehört, solche Koordinatoren zu haben.

Welt am Sonntag: 800 Euro sind nicht viel. Gibt es zu wenig finanzielle Anreize für Kliniken, Organspenden durchzuführen?

Herr Rösler: Wohlgemerkt: Die 800 Euro erhält die Klinik zusätzlich zu dem Erstattungsbeitrag, den sie ohnehin für den Eingriff im Zuge der Organentnahme bekommt. Grundsätzlich wird man diesen Weg, sich einer besseren Lösung zu nähern, Schritt für Schritt gehen müssen. Da gibt es nicht das eine Patentrezept. Und es ist auch besser, hier behutsam vorzugehen, Erfahrungen zu sammeln und daraus immer wieder Verbesserungen abzuleiten.

Welt am Sonntag: Hätte man das nicht längst vorantreiben müssen?

Philipp Rösler: Wie gerade schon gesagt: Entscheidend ist, dass die Richtung stimmt. Und dass man sich in dieser Richtung vorwärts bewegt. Gerade weil die Organspende für viele Menschen eine emotionale Hürde ist, sollten wir vorsichtig diskutieren.

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