Interviews 2014-2016

Antworten auf die Fragen der BILD vom 2. Januar 2015

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe zu wichtigen Neuregelungen zum Jahreswechsel in den Bereichen Pflege und Gesundheit

Berlin, 2. Januar 2015

BILD: Herr Gröhe, muss sich ein Gesundheitsminister besondere Vorsätze fürs neue Jahr machen?

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe: Nicht mehr als andere auch. Gesundheit fängt im Alltag an. Ich weiß, dass ich mich mehr bewegen sollte. Deswegen versuche ich zum Beispiel häufiger die Treppe als den Aufzug zu nehmen.

Sie sind gesetzlich krankenversichert. Wechseln Sie die Kasse?

Dafür habe ich keinen Anlass. Ich finde es aber gut, dass ich die Möglichkeit hätte. Mit der Beitragsreform, die seit gestern gilt, haben Krankenversicherte ein Sonderkündigungsrecht, wenn ihre Kasse jetzt einen Zusatzbeitrag erhebt.

Wer sollte jetzt wechseln?

Dank der Beitragsreform zahlen rund 20 Millionen Krankenkassen-Mitglieder jetzt einen geringeren Beitragssatz. Die werden kaum wechseln wollen. Den anderen rate ich, sich immer erst zu fragen: Wie zufrieden bin ich mit meiner Kasse? Wenn ich eine andere Krankenkasse zum Beispiel für Nachfragen schlechter erreichen kann, dann nützt mir der bessere Preis nichts.

Wie erkenne ich als Patient eine gute Kasse?

An den gleichen Kriterien, wie andere Dienstleister auch: an Leistung und Preis.

Kann das ein normales Kassenmitglied beurteilen?

Ich glaube ja. Zumal die Krankenkassen über ihr Angebot informieren. Zum Beispiel über besonderen Service oder Extra-Leistungen...

...von denen nicht alle sinnvoll sind, oder?

Auch für Extra-Leistungen gibt es Qualitätsanforderungen, die eingehalten werden müssen. Grundsätzlich können sich alle Kassenmitglieder sicher sein: Es gibt einen allgemeinen Leistungskatalog. Und der ist für alle Kassen gleich.

Sie haben die Beiträge zur Pflegeversicherung zum Jahreswechsel um 0,3 Prozentpunkte angehoben. Noch bleibt die öffentliche Empörung aus. Warum?

Die Menschen wissen aus ihrer eigenen Erfahrung: Diese Reform war nötig. Dass wir 2,4 Milliarden Euro in konkrete Leistungsverbesserungen für ihre Eltern, Nachbarn oder Bekannte stecken, kann jeder verstehen. Denn Pflege geht jeden an.

Was ändert sich für Demenzkranke?

Demenzkranke in der Pflegestufe 0, die zu Hause gepflegt werden, haben jetzt erstmals Anspruch auf alle Leistungen, die auch Pflegebedürftigen mit körperlichen Einschränkungen zustehen. In einem zweiten Schritt werden wir die Pflegeeinstufung verbessern. Über die Leistungshöhe entscheidet dann, was jemand noch selbst kann und wo er Unerstützung braucht – unabhängig ob durch Demenz oder körperliche Einschränkung. Die Vorarbeiten dazu laufen schon.

Bei den Arbeitsbedigungen in der Pflege: Können Sie noch empfehlen, den Pflegeberuf zu ergreifen?

Ja. Der Pflegeberuf ist ein fordernder, aber auch schöner Beruf. Und das wird auch erkannt. Im vergangenen Jahr hatten wir einen Ausbildungsrekord in der Pflege. Die Zahl derjenigen, die sich für eine Altenpflegeausbildung entschieden haben ist um mehr als 14 Prozent gestiegen. Das ist ein gutes Zeichen.

Was tun Sie für Pflegekräfte?

Wir helfen, dass Pflegekräfte mehr Zeit für die Pflege haben. Durch die Pflegereform wird die Zahl der Betreuungskräfte in den Heimen fast verdoppelt. Das entlastet auch die Pflegekräfte. Und wir räumen mit der Pflege-Bürokratie auf, vereinfachen die Dokumentation. Außerdem stärken wir die Pflegeeinrichtungen, damit sie Pflegekräfte nach Tarif bezahlen können.

Zum neuen Jahr starten Sie eine Beratung übers Internet, mit der man sich Pflegeleistungen zusammen stellen kann. Was steckt dahinter?

Gute Pflege sollte möglichst individuell sein. Deshalb schaffen wir mit der Pflegereform mehr und bedarfsgerechte Wahlmöglichkeiten. Darüber informiert der Pflegeleistungs-Helfer.

Wie?

Durch einen Fragenkatalog wird ermittelt, welche Leistungen in der konkreten Pflegesituation passen und wie verschiedene Leistungen kombiniert werden können. Auf dieser Grundlage können sich Pflegebedürftige und ihre Angehörigen dann gezielt bei der Pflegeberatung oder bei ihrer Pflegekasse beraten lassen.

Da wir gerade über Internet-Angebote sprechen. Es drängen immer mehr Gesundheits-Apps auf den Markt. Patienten suchen Antworten im Netz und nicht beim Arzt. Ist das gefährlich?

Gegen den informierten Patienten spricht erst einmal nichts. Aber den Arztbesuch kann der Klick im Internet nicht ersetzen. Es gibt manche Gesundheits-Apps, die helfen, sich zu orientieren. Andere sind eher Geschäftemacherei. Hier gibt es wachsenden Informationsbedarf.

Der durchschnittliche Beitragssatz der Gesetzlichen Krankenkassen hat sich über die letzten Jahre kaum verändert. Jetzt beschließen Sie Gesetze, die viel kosten. Und langsam zehren steigende Honorare und der Kostenanstieg im Gesundheitswesen die Kassenreserven auf. Müssen wir bald mit Beitragssatzsteigerungen auf breiter Front rechnen?

Für Spekulationen ist es jetzt zu früh. Fest steht aber: In einer älter werdenden Gesellschaft und mit steigendem medizinischen Fortschritt werden auch die Gesundheitskosten eher zunehmen. Und Verbesserungen, z.B. in der Hospizarbeit, sind ja auch im Sinne der Versicherten. Umso wichtiger ist es aber auch, durch Wettbewerb, Sparsamkeit und sichere Arbeitsplätze die Beitragsentwicklung in Schach zu halten.

Die Fragen an Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe stellten Hanno Kautz und Ralf Schuler.

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