Interview

Die Pflege-WG ist eine Alternative zum Heim

BILD-Interview mit Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr

BILD: Das Alzheimerdrama um Rudi Assauer erschüttert Deutschland. Haben Sie auch Angst vor dieser Krankheit?​

Bahr: Rudi Assauers Demenzerkrankung führt uns vor Augen, dass es jeden treffen kann. Ich bin davon nicht ausgenommen. Viele Menschen fürchten sich davor – und genau diese Angst muss man ihnen nehmen. Rudi Assauer trägt dazu bei, weil er das Thema aus der Tabuzone holt. Das macht Mut, auch mir persönlich.

Tun Ärzte und Krankenkassen genug gegen Demenz, gibt es genug Aufklärung?

Demenz muss ein viel größeres Thema werden. Es gibt bereits Information und Aufklärung von Ärzten und Krankenkassen. Aber in der Forschung fehlt bisher der Durchbruch. Wir wissen leider immer noch zu wenig über die Ursachen der Krankheit und mögliche Behandlungsmethoden.

Wann greifen Ihre Reformpläne für Demenzkranke?

Ab Januar 2013. Wir werden die Leistungen der Pflegeversicherung auf die besonderen Bedürfnisse für die derzeit rund 1,2 Millionen demenzkranken Menschen und ihre pflegenden Angehörigen ausweiten und verbessern. Dazu gehört z.B. die Förderung von Pflege-Wohngemeinschaften.​

Sie wollen Pflege-WGs für Senioren – wie sollen die aussehen?

Die Menschen wollen so lange wie möglich in ihrem häuslichen Umfeld bleiben. Deshalb sind neue Wohnformen für Pflegebedürftige, die noch keine Rund-um-die-Uhr-Betreuung brauchen, gefragt. Das ist eine Alternative zwischen Pflege zu Hause und Heim.​

Sollen sich die Senioren etwa gegenseitig pflegen? Oder gibt es Fachkräfte?

Pflegebedürftige, die sich für eine solche Wohnform entscheiden, erhalten monatlich 200 Euro zusätzlich für eine Pflegekraft. Rechnet man alle Sach- und Geldleistungen von vier Menschen einer solchen WG zusammen, stehen dann in der Pflegestufe 1 bis zu 3400 Euro pro Monat für ein solches Projekt zur Verfügung.

Ist genug Wohnraum für solche Pflege-WGs vorhanden?

Wir haben ein Initiativprogramm von 30 Millionen Euro aufgelegt, damit Umbauten finanziert werden können, z.B. im Badezimmer. Dies sind bis zu 2.500 Euro einmalig pro WG-Bewohner. Maximal könnte eine 4-köpfige Wohngruppe 10.000 Euro bekommen zur bestehenden Förderung von 10.000 Euro, also reden wir über 20.000 Euro, die dann bei Gründung einer Pflege-WG zur Verfügung stehen.

Viel Geld! Hat der Finanzminister das Budget schon abgesegnet?

Dafür brauche ich keinen Segen des Finanzministers, das wird aus Beitragsgeldern finanziert. Damit können langfristig auch Kosten gespart werden, weil weniger Menschen in die teurere Heimpflege gehen müssen. Es ist also eine Investition.​

Bei einer steigenden Zahl von Pflegebedürftigen fehlen Fachkräfte. Wie machen Sie Deutschland pflegefest?

Über ein Bündel von Maßnahmen. Pflege muss schon früh ein Thema sein. Familien und auch die Schule sind gefordert. Es geht um Wertevermittlung. Familien und Angehörige brauchen Unterstützung. Wir müssen uns um einander kümmern, es geht um gesellschaftlichen Zusammenhalt und ehrenamtliches Engagement. Mehr Wohnungen müssen barrierefrei gebaut werden, Menschen sollten sich mit alternativen Wohnformen beschäftigen und wir schaffen attraktivere Bedingungen für Pflegeberufe.

Das Interview führten A. BALDAUF und J. W. SCHÄFER von BILD.

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